Knapper Sieg in Gau-Algesheim

Am Sonntag, den 04. Februar traten wir in Gau-Algesheim zur nächsten Runde der Oberliga Südwest an. Die Gegner sind in dieser Saison zumindest leicht abstiegsgefährdet, haben aber dank GM Ovsejevitsch und einigen Jugendspieler eine konkurrenzfähige Truppe. Da wir einige Ausfälle verkraften mussten (Freddy, Nils und Andre), ahnte ich schon, dass es ein enges Match werden wird. Mit Alex, Jörg und Gerhard fanden wir guten Ersatz und waren leichter Favorit.

Die Paarungen lauteten:

  1. Ovsejevitsch,Sergei (2603) - Frischmann,Rick (2338)
  2. Kling,Felix,Dr. (2173) - Wild,Achim (2239)
  3. Karsay,Pascal (2196) - Holle,Cedric (2092)
  4. Frede,Lennart (2172) - Tabatt,Hendrik (2324)
  5. Bauer,Björn-Benny (2213) - Grewenig,Jan (2134)
  6. Weyerhäuser,Jörg (2055) - Gress,Alexander (2143)
  7. Tepen,Philipp (2022) - Becker,Jörg (2116)
  8. Grieb,Lukas (1764) - Scheuermann,Gerhard (2146)

Ich eröffnete mit 1.e4 und mein Gegner entschied sich entgegen meiner Erwartung nicht für Sizilianisch, sondern spielte klassisch 1.-e5. Allerdings „blitzte“ er früh einen Zug, der eigentlich nur dazu gedacht sein kann mich aus meiner Eröffnungstheorie zu bringen.

Frischmann – Ovsejevitsch nach 5.c3

Mein Gegner spielte hier 5.-La5, was einfach nicht gut sein kann. Beeindruckend wie schnell mein Gegner diesen vermutlich improvisierten Zug ausführte.

Anscheinend besteht doch ein gewisser Sinn dahinter. Nach der „normalen“ Fortsetzung 6.Le3, spielt Schwarz nicht Lb6, was wieder zur Hauptvariante führen würde, sondern 6.-Sf6!. Obwohl die Engine statt 6.Le3 einige bessere Möglichkeiten findet (u. a. 6.a4!?), war meine Idee einfach zu verlockend. Bei genauem Spiel hätte Schwarz allerdings gutes Gegenspiel erhalten können. Ich spielte nach 6.-Sf6 die einzig kritische Variante 7.Sxc6 bxc6 8.e5 Sd5 9.Dg4. Mein Gegner versank in Nachdenken und setzte fort mit 9.-Sxe3 10.Dxg7 Tf8 11.fxe3.

Frischmann – Ovsejevitsch nach 11.fxe3

Ein schönes Chaos ist entstanden. Wer steht besser und warum? Mein Gefühl sagte mir, dass die Stellung im dynamischen Gleichgewicht sein sollte, aber ich empfand sie für mich, als etwas angenehmer zu spielen. Offensichtlich ist einer der weißen Pläne Lc4, 0-0, Sd2-e4. Schwarz muss versuchen Gegenspiel zu erzeugen, was er direkt mit 11.-Tb8 tat. Weiß hat nun das Problem, dass 12.Lc4?? an 12.-Dh4+ scheitert und obwohl 12.Sd2 Txb2 13.0-0-0!??! sehr interessant ist, ist es doch für einen Mannschaftskampf viel zu riskant und geht bei genauer Spielweise von Schwarz auch nach hinten los. Ein weiteres Problem ist, dass das wünschenswerte 12.b4? nicht funktioniert, da Schwarz stark kontern kann mit 12.-Dh4+ 13.Dg3 Txb4!! -+. Nach zu langem Nachdenken kam ich endlich auf die Lösung und spielte 12.b3!, wonach der Bauer nicht mehr hängt und nun auch Lc4 ermöglicht wird. Schwarz hat weiterhin das Problem, dass der Lc8 nicht mitspielt und es ist außerdem nicht klar, was nun die Aufgabe des Tb8 ist. Ich war zufrieden mit meiner Eröffnungswahl und es stand eine spannende Partie bevor!

Achims Gegner spielte eine Art Colle-Zukertort-System gegen einen damenindischen Aufbau. Beim Nachspielen der Partie wird deutlich, dass Achim schon ziemlich genau wusste, was er tat. Früh bekam er schon eine angenehme Stellung:

Kling – Wild nach 18.-axb5

Schwarz besitzt gute Zentrumskontrolle und hat die klareren Pläne mit f7-f5 oder h7-h5. Weiß hingegen hat hauptsächlich die Möglichkeit sich irgendwie über die a-Linie (durch Figurentausch oder Eindringen der Schwerfiguren) zu entlasten. In der Partie entschied sich Weiß für 19.Lxe4 fxe4 20.Sd2, was strategisch gefährlich scheint, aber aus praktischer Sicht akzeptabel sein sollte, da Weiß nun immerhin einen klaren Plan verfolgen kann. Achim entschied sich nun gegen den Zug 20.-f5. Ich vermute, ihm gefiel die folgende Variante nicht: 21.f3 exf3 22.Dxf3 De7 23.e4

Stellung nach 23.e4

Falls die weißen Leichtfiguren zum Leben erwachen, kann die Stellung sehr für Schwarz sehr gefährlich werden. Vielleicht übersah Achim hier die Möglichkeit 23.-c5! zu spielen oder er schätzte die Stellung als zu gefährlich ein.

In der Partie folge stattdessen 20.-Lxg3 21.hxg3 Dg5 und Achim stand zumindest optisch leicht besser.

Cedric saß erstmals für diese Saison am dritten Brett und spielte Schottisch. Sein Gegner verteidigte sich klassisch mit der Mieses Variante und direktem 8.-Sb6.

Holle – Karsay nach 8.-Sb6

Da Viktor Bologan diesen Zug in einem seiner Bücher empfiehlt, hatte ich die Stellung bereits einige Male analysiert. Ich kam zu dem Ergebnis, dass Schwarz nach dem von Cedric gespielten Zug 9.b3 ziemlich einfach ausgleichen kann. Zuletzt wird an dieser Stelle eigentlich ausschließlich 9.Sc3 gespielt. Kurz darauf leistete sich Cedric allerdings schon eine Ungenauigkeit.

Holle – Karsay nach 11.-De6

Weiß sollte einfach mit 12.Lg2 fortsetzen. Die genauste Zugfolge ist nun 12.-Lxa3! 13.Sxa3 axb3 14.axb3 De7=. Vielleicht war Cedric besorgt über 12.-axb3 13.axb3 Lb4+, was allerdings schlecht ist. Sehr schön gezeigt wird dies in der Partie Nepomniachtchi – Onischuk (https://www.youtube.com/watch?v=SissRyGtuBE)

Cedric spielte stattdessen 12.Lxf8?, was zwar Schwarz die Rochade raubt, aber konkrete Probleme am Damenflügel erzeugt. Schwarz setzte seinerseits aber auch ungenau fort, denn es folgte 12.-Kxf8 (12.-Txf8 war noch etwas stärker) 13.Sa3 axb3 14.axb3 f6? (14.-De7 15.Sc2 (15.Db2 Db4+) Txa1 16.Sxa1 Da3 und Schwarz gewinnt den wichtigen Bauern b3) 15.Lg2! Dxe5 16.Dxe5 fxe5 17.0-0 und Cedric hatte recht gute Kompensation.

Hendrik hatte es unter Mithilfe seines Gegners mal wieder geschafft nach gefühlten 8 Zügen aus allen Theoriebüchern dieser Welt zu kommen und dazu noch nicht mal schlechter zu stehen 🙂

Die Stellung erinnerte jedenfalls an eine klassische e4-e5 Struktur, in der sich Hendrik meistens gut zurechtfindet. Bei erster Betrachtung gefiel mir seine Stellung allerdings nicht sonderlich.

Frede – Tabatt nach 18.Te1

Der weiße Läufer auf g2 wirkt stark, hat aber nach b7-b5 zu gegebenem Zeitpunkt eventuell kein wirkliches Angriffsziel mehr. Trotz der potenziellen Gefahr eines Königsangriffs mit h2-h4 und g4-g5 verbunden mit dem Auftauchen einer weißen Leichtfigur auf d5, sollte die Stellung noch im Gleichgewicht sein, da in einem solchen Szenario auch der weiße König unter Gefahr geraten kann.

Jans Gegner spielte die sizilianische Drachenvariante. Es gibt darin eine Variante, die sich der chinesische Drachen nennt und mit dem Zug Ta8-b8 verbunden ist.

Grewenig – Bauer nach 9.-Ld7

Der häufigste Zug an dieser Stelle ist 10.0-0-0, wonach 10.-Tb8 zu oben genannter Variante führt. Jan spielte stattdessen allerdings 10.Lb3. Eine Idee, die den Zug 10.-Tb8 verhindern soll und Schwarz die Möglichkeit gibt in die „normale“ Hauptvariante nach 10.-Tc8 11.0-0-0 Se5 überzuleiten. Schwarz spielte in der Partie jedoch trotzdem den Zug 10.-Tb8?! und verlor einen Bauer nach 11.Sxc6 bxc6 12.Lxa7 Tb7 13.Le3. Natürlich besitzt der Nachziehende etwas Kompensation, aber da Weiß noch kurz rochieren kann, sollte die Stellung mindestens leicht besser sein.

Alex verteidigte sich mit dem Wolga-Gambit, das sein Gegner mit 5.b6 ablehnte.

Weyerhäuser – Gress nach 8.-Lg7

Dies kann als Ausgangsstellung für die b6-Variante bezeichnet werden. Grundsätzlich sieht der weiße Plan diese Züge vor: Le2, Sd2-Sc4, a4-a5, 0-0. Stattdessen spielte Weiß 9.Ld3, was u. a. 9.-Lg4 erlaubt. Weiß versuchte sich durch 10.Da4+ Sbd7 11.e5?! zu helfen. Die Partie wurde nun richtig konkret,denn es folgte 11.-dxe5 12.Sxe5 Db4!

Weyerhäuser – Gress nach 12.-Db4

Weiß musste nun 13.Sxg4 spielen, aber auch dort steht Schwarz sehr ordentlich. Es geschah 13.Lb5? doch nach dem korrekten 13.-0-0 befand sich Weiß bereits in erheblichen Schwierigkeiten.

Jörg spielte mit Weiß zunächst einen ruhigen königsindischen Aufbau und entschied sich früh für einen schlechten Bauernzug.

Becker – Tepen nach 14.-Tad8

Weiß spielte 15.c3?, was schon ein ernsthafter Fehler ist. Nicht nur der Läufer b2 wird eingesperrt, sondern auch das in dieser Variante sehr wichtige Feld d3 wird geschwächt. Das einfache 15.a3 hätte zu einer ausgeglichenen Stellung geführt.

Gerhard spielte am letzten Brett zunächst sehr solide und erarbeitete sich in der Eröffnung eine klar bessere Stellung.

Grieb – Scheuermann nach 18.f3

Gerhard spielte nun kreativ, aber machte sich seine Lage dadurch zu kompliziert. Da er am Königsflügel momentan nicht weiterkommt, entschied er sich für 18.-Kf8 mit der Idee Ke7 und Th8. Das Problem ist, dass der schwarze König dort auch ziemlich anfällig wird. In solchen Situationen ist es meistens die beste Wahl eine zweite Front zu eröffnen – am Damenflügel oder natürlich ein klassischer Gegenstoß im Zentrum. Einfach und gut war deswegen 18.-a5 19.b5 cxb5 20.cxb5 d5! mit fabelhafter Stellung.

In meiner Partie ging es spannend weiter:

Frischmann – Ovsejevitsch nach 15.-d5

Die Engine ist hier eiskalt mit 16.0-0! z.B. 16.-dxc4 17.Sd2 De6 18.Sxc4 Lb6 19.Tad1 mit vernichtendem Angriff. Ich spielte das auch interessante 16.Sd2!? Lxc3 17.0-0-0 De5 18.Ld3 Dxf6. Die Stellung ist nun sehr konkret, aber Weiß besitzt die Initiative. 19.Thf1 Lxd2+ 20.Kxd2 Db2+:

Frischmann – Ovsejevitsch nach 20.-Db2+

Ich war weiterhin am Drücker nach 21.Ke1! (21.Lc2? Lf5=).

Achims Gegner verteidigte seine Stellung recht ordentlich:

Kling – Wild nach 28.Sb3

Die Engine schlägt hier noch 28.-Dd8 vor, um nach geplantem Lc8 mit der Dame auf c7 nehmen zu können. Achim spielte direkt 28.-Lc8, doch nach 29.Txc7 Sxc7 30.d5! waren bald alle weißen Figuren aktiv und es wurde sich auf Remis geeinigt. Insgesamt war für Achim wohl einfach nicht mehr drin mit Schwarz.

0,5 – 0,5

Jan zeigt gute Technik, bis sein Gegner plötzlich eine deutliche Fehleinschätzung der Stellung unterlief.

Grewenig – Bauer nach 17.Kh1

Schwarz spielte nun 17.-Le6?, was zwar oft ein Motiv in der Drachenvariante ist, aber unter komplett unterschiedlichen Voraussetzungen. Schwarz versuchte noch etwas im Trüben zu fischen, aber Jan löste seine Aufgabe äußerst souverän.

Grewenig – Bauer nach 25.-Txc3

Nach 26.Lxc3 müsste Weiß noch einiges an Maßarbeit erledigen. Stattdessen entschied 26.Lf4! sofort die Partie. Jan hatte mit der technischen Verwertung keine Probleme mehr. Eine blitzsaubere Partie von Jan, der von Beginn an mit Köpfchen gespielt hat und nun bei herausragenden 6,5 Punkten aus 7 Partien steht!

1,5 – 0,5

Bei Jörg zeichnete sich bereits ziemlich bald ab, dass er seine Stellung nicht mehr wird retten können. Kein Problem soweit, jeder hat einfach mal einen schlechten Tag.

1,5 – 1,5

Cedric hatte sich in der Zwischenzeit gut verteidigt. Nachdem er einmal die Abwicklung in ein Remis-Springerendspiel verpasste, hatte er in dieser Stellung seine letzte Chance die Partie zu retten:

Holle – Karsay nach 49.-Kg8

Remis hielt 50.Kf5 c5 51.Se2! c2 52.Ke4 und der weiße König wird den c-Bauern einsammeln. Leider spielte Cedric anders und verlor die Partie.

1,5 – 2,5

Alex hatte anschließend folgende Stellung:

Weyerhäuser – Gress nach 24.Td1

Ganz genau wäre nun direktes 24.-Te6+ gewesen, da 25.Kf1 an 25.-Txd2! Scheitert und nach 25.Le3 folgt 25.-Txd1 26.Kxd1 Sb4 nebst Lxb2. Stattdessen geschah das ebenfalls gute 24.-Sb4 25.Ta3 Sd3 und nach Gewinn des Bauern b2 war Hopfen und Malz verloren für Weiß. Sehr saubere und dynamische Partie von Alex!

2,5 – 2,5

Hendrik entlastete sich durch Figurentausch und nutzte die weiße Figurenstellung aus, um sich positionelle Vorteile zu erarbeiten. Spätestens nach der gegnerischen Aufgabe des Läuferpaares war Hendrik klar am Drücker und erreichte folgendes Endspiel:

Frede – Tabatt nach 38.-Kg7

Weiß stand eine schwere Verteidigung bevor, doch der direkte Turmtausch mit 39.Td5?, beschleunigte die Angelegenheit erheblich, da den verbundenen Freibauern auf der f- und g-Linie nichts entgegenzusetzen ist. Solche Stellungen sind sogar ohne den Damenflügel gewonnen. Gute Partie von Hendrik!

3,5 – 2,5

Es liefen also noch 2 Partien: einmal eine verrückte Partie von Gerhard und zuletzt meine Partie gegen den Großmeister.

Gerhard kommentierte seine Partie im Nachhinein als die chaotischste Partie, die er in den letzten Jahren gespielt hatte. Ich dokumentiere an dieser Stelle die Änderungen der Enginebewertung ab Zug 31: -7 -> 0.00 -> 0 -> 0 -> 0 -> +3 -> -2 -> -2 -> -3 -> -3 -> -3 -> +5 -> +0.5 -> +1.5 -> +1.5 -> +2 -> +1 -> +5 -> +5 -> +5 -> 0.00. Die Tatsache, dass Gerhards Gegner die Partie auch noch mit seinem 41.Zug wegschmeißt, macht alles noch ein wenig tragikomischer.

Grieb – Scheuermann nach 40.-Ta8

Nach dem simplen 41.Db4 ist Weiß auf komplett verlorenem Posten, da Damentausch oder Dc5+ droht. Weiß spielte 41.Db5 und musste sich nach 41.-Dc3+ 42.Kxf4 Dd2+ 43.Kg3 De1+ mit Dauerschach zufriedengeben.

4 – 3

Das war natürlich äußerst erfreulich für unsere Mannschaft, da meine Partie nicht mehr zu verlieren war. Ich war trotzdem etwas enttäuscht, dass es nicht für einen Sieg gereicht hat, da die Partie es durchaus verdient hatte.

Frischmann – Ovsejevitsch nach 37.-d4

Es gewann 38.Tf5! Lxb3 (38.-Tc7 39.a5+-) 39.Txc5 Lxc2 40.Kxc2. Nach meiner Fortsetzung einigten wir uns einige Züge später auf Remis.

4,5 – 3,5

Schlussendlich stand damit also der wie ich finde verdiente Auswärtserfolg fest.

Bericht von Rick Frischmann

1 Antwort

  1. Jörg
    Ich hatte wohl übersehen daß nach a3 Lxd2 Dxd2 Sc5 noch Dc3 geht und wegen der Mattdrohung auf g7 mein Zentralbauer doch nicht fällt.

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