Nachruf auf Klaus Fess

2015 scheint kein gutes Jahr für unseren Schachclub zu sein.

Nach dem Tod von Otto und von Edith Velten verstarb jetzt mit Klaus Fess ein echtes Original und Urgestein unseres Vereins.

Caissa Schwarzenbach hat in den letzten Jahren sein Gesicht merklich verändert. Viele neue Mitglieder wurden hinzu gewonnen, und großer sportlicher Erfolg wurde erzielt. Darauf hatten wir hingearbeitet, und so wollen wir das haben.

Dabei läuft man jedoch Gefahr zu vergessen, auf welchen Menschen unsere Entwicklung in der jüngeren Zeit überhaupt basiert, und es ist sehr traurig, dass uns viele dieser Menschen in den letzten Jahren verlassen mussten.

Klaus Fess war, seit er Anfang der 90er Jahre aus dem Ruhrgebiet kommend zu uns wechelte, eines der Schwarzenbacher Gesichter. Mit seiner unnachahmlichen Art und seinem absolut kompromisslosen Angriffsschach sorgte er zum einen immer wieder für Erheiterung sowohl bei seinen Mannschaftskameraden als auch an unseren Spielabenden, lehrte aber zum anderen am Schachbrett seine Gegner immer aufs Neue das fürchten.

Das mag sich jetzt anhören wie so ein typischer, etwas zu wohlwollender Rückblick auf den Verstorbenen.

Dem ist nicht so.

Ich halte Klaus Fess für einen der talentiertesten Schachspieler, die ich persönlich getroffen habe.

Mit einem sehr eigenen Spielverständnis, das, zumindest was konkretes Spiel betrifft, vielleicht dem modernen „Computerschach“ näher kommt als der „klassischen Schule“, konstruierte er in fast jeder seiner Partien ohne Rücksicht auf Verluste Angriffspositionen, die dem Gegner mehr als nur etwas Kopfzerbrechen bereiteten.

Dabei ging er aber durchaus nicht brachial vor, sondern „würzte“ seine Angriffe mit feinen Pointen und prophylaktischen Motiven! Gerade letzteres beeindruckte enorm, war doch die „russische Schule“ samt Dworetzkys „Prophylaxe-Hype“ noch lange nicht nach Deutschland durchgedrungen.

Da auch in den berühmten Werken von Aaron Nimzowitsch (zumindest, soweit ich in Erinnerung habe:)) keine Partiebeispiele zu finden sind, in denen die eine Seite ein paar Bauern opfert, die Entwicklung vernachlässigt, alles auf Angriff stellt, um dann in Seelenruhe potentielle gegnerische Verteidigungsmotive ganz langsam zu entkräften, schreibe ich hier Klaus einen eigenen Stil zu.

Einen, den er nirgends erlernt, und schon gar nicht kopiert hat. Einen, den er selbst erschuf, der in ihm war.

Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an eine Turnierpartie gegen ihn, in der er noch völlig unterentwickelt (und selbstverständlich nach Opfer eines Bauern...) mit Weiß spielend seinen Springer von g1 3-zügig nach h5 beorderte, nur um meinen Läufer auf f8 an den Bauern g7 zu binden. Die Mehrheit seiner anderen Figuren befand sich noch auf der Grundreihe, während ich fast vollständig entwickelt stand, strukturell gesund und mit einem Mehrbauern versehen. Das ist knapp 20 Jahre her, und ich konnte mir damals nicht vortsellen, dass ein derartíges Konzept funktionieren kann. Am Brett kam ich jedoch überhaupt nicht damit klar, und obwohl ich Klaus schon um fast 100 „Elo-Punkte“ überholt hatte, verlor ich sang-und klanglos, und kam mir ziemlich brüskiert vor.

Solche und ähnliche Ideen prägten sein Spiel, und stellten jede Art von Gegner vor enorme Probleme.

Sein Meisterstück gelang ihm dabei 1991 auf dem „St.Ingberter open“. Dort „doste“ er in 28 Zügen den bekannten Großmeister Lev Gutman ein. Die Partie trug er in seinem typischen Stil vor, und überspielte seinen chancenlosen Gegner im Königsangriff.

Natürlich funktioniert ein solches Vorgehen nicht immer, und Klaus verlor einfach eine Unzahl von Partien aufgrund Entwicklungsrückstandes. Erst wenn sein Konzept aufging, rechnete er mit einem mal lang und präzise, und ließ sich seine Gewinnstellungen so gut wie niemals nehmen. Vor allem in der Frühphase der Partie stellte er seine eigenen Ideen immer wieder über den „gesunden Menschenverstand“. Diesen hatte er durchaus, doch am Brett unterlag er immer wieder dem Reiz des konkreten Gedankens, der fantastischen Idee.

So hinderte er sich auf der einen Seite selbst daran, „schachlich“ stärker zu werden, schuf aber auf der anderen Seite großartige Partien.

Als ich ein paar seiner alten Meisterwerke, die noch in meiner Datenbank zu finden waren, nachspielte, war ich einfach nur beeindruckt.

Nicht minder als sein Stil beim Schach fiel seine origenelle Wesensart auf. Herausstellen möchte ich dabei seinen unbrechbaren Optimismus. Selbst mit über 80 Jahren – seine Spielstärke hatte schon deutlich nachgelassen – suchte er nach Ideen, wie er sich im Schach verbessern könnte, befragte unsere Oberliga-Spieler, wie die denn trainieren würden, und was er tun könnte, um stärker zu spielen.

In unserem Clubheim gastierende Großmeister lud er bei erster Gelegenheit auf ein Bier ein, wollte von Ihnen wissen, was das Geheimnis des Schachs denn nun sei, ob 1.e4 oder 1.d4 der bessere Zug wäre, ob er lieber Skandinawisch oder Sizilianisch spielen sollte etc.

Eine besondere Anekdote möchte ich hier auch nicht auslassen:

Auf einem der damals noch gut besuchten „St.Ingberter-Open“, irgendwann Mitte der 90er Jahre, boten die Veranstalter dem Publikum eine kostenfreie Trainingseinheit an, bei der der großartige Artur Jussupow als Referent gewonnen werden konnte. Dieser zeigte dem Publikum eine komplizierte Partie von Kasparow, welche reichlich Diskussionsstoff beihaltete.

Der im Publikum befindliche Klaus war jedoch derart über die Darbietung begeistert, dass seine Einwürfe und „Verbesserungsvorschläge“ eine Redezeit einnahmen, die bald die des Referendars überstieg. Müßig zu erwähnen, dass die Ideen von Klaus recht wenig mit denen von Kasparow gemein hatten.

Jussupow reagierte großartig und mit viel Humor auf den nicht mehr ganz jungen „Dauerredner“ aus dem Publikum. Irgendwann war er jedoch so entnervt, dass er ins Publikum sprang, Klaus am Arm packte, ihn vor das Demobrett stellte, und selbst auf dem Stuhl von Klaus Platz nahm. Unter riesigem Gelächter der kompletten Audienz forderte er den rüstigen Senior dann auf, doch bitte an seiner Stelle weiter zu machen.

Mit solchen und ähnlichen Kurzgeschichten über unseren „Niggeloos“, so sein Spitzname – denn geboren wurde er am sechten Dezember – könnte man wahrscheinlich ein Buch füllen.

In Erinnerung bleibt Klaus uns als einer der schachlichen Wegbereiter der Schwarzenbacher Erfolgsgeschichte. In Erinnerung bleibt uns seine Lebenslust, die er sich bis ins hohe Alter erhielt, seine Verrücktheiten und sein ansteckender Optimismus. In Erinnerung bleibt uns auch sein nie versiegender Ideenreichtum, auf dem Schachbrett und im Leben.

Denn das war es, was Klaus vielleicht am besten umschreibt:

Ideen! Gute Ideen, schlechte Ideen, verrückte Ideen, aber immer wieder neue Ideen!

Uns tröstet der Gedanke, dass Klaus keine lange Leidenszeit vor seinem Tod hatte, und dass uns seine unnachahmlichen Partien erhalten bleiben.

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